Supply Chain Continuity Management (SCCM)

Die Abhängigkeiten von Lieferketten nehmen für viele Unternehmen stetig zu...

Die Abhängigkeit steigt

Die Abhängigkeiten von Lieferketten nehmen für viele Unternehmen stetig zu – unabhängig davon, ob es sich dabei um Rohstoff- oder Warenlieferungen, Dienstleistungen oder ausgelagerte Prozesse handelt. Welcher Größenordnungen dieses Geflecht an Lieferanten erreichen kann, zeigt das Beispiel von VW eindrucksvoll: Der Konzern beziffert seine Lieferanten und Dienstleister im April 2020 auf über 40.000, dazu kommen noch Hunderte Spediteure.

Gut, wenn alle Kettenglieder ineinandergreifen und alles wie am Schnürchen läuft! Und wenn nicht? Was macht man, wenn eine Lieferkette ausfällt und kritische Waren nicht ankommen? Dann greifen die Maßnahmen des Supply Chain Continuity Management (SCCM).

Gründe für den Ausfall von Lieferketten

Lieferketten können durch verschiedenste Vorfälle unterbrochen werden. Guckt man sich den Bereich der Produktionsunternehmen an, sind die Beispiele besonders vielseitig:

  • Lieferausfälle und -schwierigkeiten durch Corona, da Produktionen und Warenströme stillstehen oder nur vermindert laufen
  • festhängende Frachter, wie jüngst im Suezkanal, die den Warentransport über Wochen stoppen
  • durch Piraterie gekaperte Schiffe
  • Insolvenzen von Zulieferern
  • Maschinenausfälle
  • Cyber-Attacken
  • Naturkatastrophen
  • Vulkanausbrüche, wie 2010 in Island, … – die Liste ist mehr als lang.

Komplexität

Was man dabei nicht vergessen darf: Auch Lieferanten haben Zulieferer. In Zulieferpyramiden werden Lieferanten als Tier 1, Tier 2, usw. bezeichnet.



Wie in der Grafik dargestellt, beliefert die untere Ebene die darüberliegende mit Produkten, die beim Belieferten weiterverarbeitet werden. Die Zählweise erfolgt vom OEM aus nach unten. Denkt man jetzt einmal wieder an mögliche Unterbrechungen der Lieferkette, wird schnell klar, dass die Ursache, die einen nachher selber betrifft, ihren Ursprung schon einige Lieferebenen zuvor haben kann.

Allgemein lässt sich feststellen, dass Lieferketten immer komplexer und häufig auch globaler werden – und damit auch unübersichtlicher und undurchsichtiger. Es ist schon eine herausfordernde Aufgabe, aber jedes Unternehmen sollte einen kompletten Überblick über seine Lieferketten und deren Risiken haben, um proaktiv reagieren zu können, falls es zu Ausfällen oder Verzögerungen kommt. Vorsorge ist besser als Nachsorge – denn wer nicht vorbereitet ist, wird nicht nur Geld verlieren, sondern auch einen Reputationsschaden erleiden. Und diese Schäden wieder wettzumachen ist mehr als doppelt so schwierig und auch viel langwieriger, als sich um ein aufs Unternehmen zugeschnittenes SCCM zu bemühen.

KRITIS

In Deutschland gelten für bestimmte Unternehmen Vorschriften, wie mit einem Ausfall umzugehen ist, damit einen schnelles Wiederanlaufen und damit eine Versorgung der Bevölkerung sichergestellt werden kann. Stichwort Kritische Infrastrukturen: Hierzu zählen beispielsweise die Versorger (Gas, Wasser, Strom) sowie Finanzdienstleister, Anbieter von Telekommunikation und weitere Branchen. Um Lieferketten abzusichern, müssen diese zuerst analysiert und bewertet werden. Es gilt, die potenziellen Auswirkungen von Störungen zu identifizieren und diese zu steuern.

SCCM und BCM

Im BCM geht es unter anderem um die Definition von Verfahren, die ein schnellstmögliches Wiederanlaufen von zeitkritischen Prozessen sicherstellen. Beim SCCM liegt der Fokus auf dem Wiederanlauf der Lieferketten.

Ein Bestandteil des SCCM ist, eine Supply Chain Map zu erstellen, um einen Überblick über alle bestehenden Lieferketten zu erhalten. Als Ergebnis erhält man eine globale Karte des bestehenden Liefernetzwerks sowie die damit verbundene Dokumentation über Materialherkunft, alle Transporte und so weiter. Schon diese Analyse kann mögliche Risiken aufzeigen sowie Chancen, wie sich diese absichern lassen.

Aufbau eines SCCM

Für den Aufbau des SCCM werden die Ergebnisse zu den Wiederanlaufzeiten der Prozesse aus der BIA herangezogen, die im Rahmen des BCM durchgeführt wurde. Die auf Lieferanten bezogenen Daten des Risk Assessment aus dem BCM werden dahingehend überprüft, ob wirklich alle Risiken berücksichtigt wurden. Bei der Risikoanalyse der Lieferanten geht es dann zum Beispiel um folgende Fragen:

Wie hoch ist das Risiko...

  • ...einer Insolvenz?
  • ...einer Unterbrechung des Transports?
  • ...einer Unterbrechung durch sich verändernde Gesetze (Zoll, Einfuhrbestimmungen)?
  • ...der Vertragskündigung durch den Lieferanten?
  • ...eines Lieferausfalls durch lokale Umwelteinflüsse/Naturgewalten?

Wie kann man als Unternehmen vorgehen, um von Unterbrechungen nicht betroffen zu sein? Hat ein Unternehmen nur einen einzigen Lieferanten für ein Produkt, kann es überlegen, den eigenen Lagerbestand zu erhöhen. Gibt es mehrere Bezugsmöglichkeiten für ein Produkt, besteht die Möglichkeit, das Liefernetzwerk zu erweitern. In diesem Fall wäre es ratsam, das Produkt permanent im Wechsel bei seinen Lieferanten zu bestellen, um die Qualität zu kennen und im Ausfall schnellstmöglich beliefert werden zu können. Die Entscheidung, die Lieferkette über alternative Anbieter abzusichern, bedeutet aber auch, dass diese hinsichtlich des Ausfallrisikos zu überprüfen sind. Alternativ ist es eventuell möglich, die Herstellung des Produkts in die eigene Firma zu verlagern, um sich so vor einem Lieferausfall abzusichern. Eine weitere Möglichkeit wäre, mit dem Lieferanten enger zusammenzuarbeiten, um gemeinsam auf drohende Ausfälle zu reagieren und so mehr Stabilität in die Lieferkette zu bringen.

Nachhaltige Stärkung der Widerstandsfähigkeit

Der nachhaltigste Schritt ist, die Verpflichtung der unterbrechungsfreien Lieferung auf den Lieferanten zu übertragen, also seinen Lieferanten zu ermutigen, BCM zu implementieren (und der wiederum bei seinen Lieferanten!) und dadurch eine Partnerschaft aufzubauen. Mit dieser Zusammenarbeit ergeben sich unter Umständen sogar attraktive Marketing-Möglichkeiten, da man die Resilienz der Lieferkette als Ganzes und somit auch die eigene Attraktivität für potenzielle Kunden erhöht. Wieder kompliziert wird es allerdings dann, wenn der Lieferant größer und marktmächtiger ist und dadurch Vorschläge und/oder vertragliche Verpflichtungen nicht eingeht, da man als sein Kunde einen zu geringen Marktwert hat.

Fazit

Wie immer es auch aussehen mag: Wenn die „rettenden Maßnahmen“ im SCCM feststehen, sind diese in regelmäßigen Abständen zu kontrollieren. Hat der Lieferant BCM implementiert, ist dieses bei kritischen Lieferanten jährlich intensiv durch Audits und/oder das Einholen von Dokumentationen zu kontrollieren. Bestenfalls ermutigt der Lieferant wiederum auch seine Lieferanten, BCM zu implementieren. Bei weniger kritischen Lieferketten können die Kontrollen weicher ausfallen.

SCCM hat, wie das BCM, einen Lifecycle, den man pflegen und immer wieder prüfen muss. Nicht zuletzt auch, weil sich im Bereich der Warenströme und ausgelagerten Prozesse und Dienstleistungen immer wieder kleine (und/oder auch größere) Änderungen ergeben. Im Zuge dessen würde man z. B. auch feststellen, dass sich kritische Produkte eventuell ändern. Aus einem A- kann ein C-, aus einem B- ein A-Produkt werden usw. Besonders komplex sind diese Wechsel beispielsweise im Marktsegment der Computerchips, die von den Herstellern ständig weiterentwickelt und damit häufig verändert werden. Damit wird auch klar: Allein der Fortschritt setzt das SCCM in einigen Branchen unter Druck.

Um auf neue Lieferanten vorbereitet zu sein, sollte ein Fragebogen oder eine Checkliste erarbeitet werden, um zu erfahren, mit welchen Mitteln der potenzielle Lieferant Unterbrechungen in seiner Lieferkette begegnet. Außerdem spielen Zuverlässigkeit und Termintreue eine große Rolle sowie die Transparenz, wie mit vorherigen Schwierigkeiten umgegangen wurde. Gibt es im Unternehmen eine Abteilung Supply Chain Management und/oder strategischer Einkauf, gibt es über diese schon viele Informationen zu diesen Themen. Und da schließlich auch Lieferanten an einer beständigen wirtschaftlichen Beziehung interessiert sind, ist es eine Idee, sie zum Beispiel bei neuen Prozessen/Produktentwicklungen mit zu involvieren. Generell ist angeraten, sämtliche Punkte zu Produktqualität, Prüfungen und Audits in Verträgen mit seinen Lieferanten zu fixieren.

Ein pauschales Vorgehen im SCCM gibt es nicht, aber es gibt für jeden Fall die perfekte Herangehensweise, um für Absicherung zu sorgen. Die Controllit AG berät Sie dazu gern.